Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Herrman Hesse

Von Anfangszwängen und Zwangsanfängen

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Herrman Hesse

Gemocht hab ich diesen Satz schon immer. Überzeugt hat er mich noch nie.

Meine Angst vor Anfängen nährt sich aus Kontrollsucht und (selektivem) Perfektionismus. Selbstverständlich und unpassenderweise gehen Kontrollsucht und Perfektionismus auch mit einem Zwang zu Prozess- und Selbstoptimierungsversuchen einher: Ich brauche Veränderung, nicht ständig, aber regelmäßig. Irgendwie muss ich also einen Anfang finden. Immer wieder.

Bevorzugt halte ich mich in Anfangsangelegeheiten an den Rat „Erst besinn’s, dann beginn’s!“ Ich besinne mich dann zwanghaft und endlos, bis zur Handlungsunfähigkeit. Dagegen helfen Zwangsanfänge: „Wer ins kalte Wasser springt, taucht ins Meer der Möglichkeiten.“ (aus Finnland) Besagtem Meer ist es netterweise egal, ob man reingesprungen oder reingefallen ist – oder reingeschubst wurde. Zwangsanfänge haben Vorteile, bergen aber auch gewisse Risiken – je nachdem, was da gerade anfängt.

Ich habe versucht, Kontrollsucht und Perfektionismus mit einer – wie ich finde – sehr realitätsnahen Feststellung in Schach zu halten: „Es gibt viele Wege, die man gehen kann. Manchmal ist es nötig, einen zu gehen, um zu erkennen, ob es der richtige ist. Denn auch durch langes Überlegen sieht man nicht, ob nach der ersten Kurve Steine liegen.“ (Autor unbekannt) Die Reaktion der beiden: “Da gibt’s doch bestimmt einen übersichtlicheren Weg. Ohne Kurven. Man muss nur lange genug nachdenken…” Während an dieser Stelle die Besinnung wieder mal in vollem Gange ist, habe ich einen anderen Satz getroffen:

“Jeder Anfang ist richtig.”

Jürgen vom Scheidt

Dieser Satz hat sich bis jetzt dem kritischen Blick meiner Kontrollsucht entzogen. Zusammen mit folgendem Appell hat er etwas zwingend Beruhigendes: „Sagen Sie sich nicht: ‚Ich muss die Idee erst vollständig durchdacht haben.‘ Das ist Blödsinn. Am besten entwickeln sich Ideen in der laufenden Praxis weiter.“ (David DuChemin)

Deshalb: Erster Blogeintrag.

Lesestoff

VomScheidt, Jürgen (2000): Kreatives Schreiben. Texte zu sich selbst und zu anderen. Überarb. und erg. Ausg., 6. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl. (Fischer, 11950).

DuChemin, David (2017): Die Seele der Kamera. Und die Rolle des Fotografen. 1. Auflage. Heidelberg: dpunkt.verlag.

 

 

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