Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden, solange man sich dadurch nicht von interessanten Umwegen ablenken lässt. Mark Twain

Müssen Ziele wirklich S.M.A.R.T. sein?

Ziele sollen S.M.A.R.T. sein, sagt man*:

  • Specific (eindeutig und und konkret formuliert)
  • Measurable (messbar nach vorher festgelegten Kriterien)
  • Accepted (attractiv, ansprechend, motivierend)
  • Reasonable (sinnvoll, realistisch und realisierbar)
  • Time-Bound (auf einen bestimmten Zeitraum oder Zeitpunkt bezogen)

Dann klappt’s auch mit der Zielerreichung, sagt man.

Mein Ziel war es, bis zum Wochenende einen Blogartikel zu schreiben. Ich hatte auch das Thema schon sehr konkret festgelegt. Heute ist Dienstag – nach dem besagten Wochenende.

Irgendwie krieg ich das mit dieser smarten Zielsetzung nicht geregelt. An einem der fünf Punkte hakt es immer – und schon wieder hab ich meine Erwartungen an mich nicht erfüllt. Wenn ich meine Erwartungen an mich nicht erfülle, werde ich unsicher und unruhig, traurig bis resigniert – und trotzig. „Trotzig“ heißt: Ich schieße das blöde Ziel in den Wind und verleugne, es je verfolgt zu haben: „Der Fuchs biß die Zähne zusammen, rümpfte die Nase und meinte hochmütig: ‚Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.‚ Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.“   (Aesop,  http://gutenberg.spiegel.de/buch/fabeln-9534/36 )

Ich bin wahrscheinlich nicht zielstrebig genug unterwegs. Da können die S.M.A.R.T.esten Ziele nichts dran ändern.

Unterwegs bin ich allerdings ständig. Mal langsam, mal schnell, auch mal zurück und wieder voran, mit Pausen, mit Abkürzungen und – geplanten oder passierten – Umwegen. Und auch mit Ablenkungen vom Ziel. Es kann sein, dass sich mein Ziel dabei ändert – den Umständen geschuldet. Oder dass ich selbst das Ziel ändere – den unterwegs neu gewonnenen Eindrücken geschuldet. Allzu häufig ändere ich meine Zielvorstellung auch einfach deshalb, weil mein innerer Schweinehund einfach die besseren Argumente hatte…
Immerhin: Ich bin nicht zwar nicht zielstrebig unterwegs, aber zumindest halte ich nach Zielen Ausschau. Ich bewege mich quasi „zielorientiert“.

„Zielorientierte Bewegung“ scheint mir eine gute Alternative zum zielstrebigen Durchmarschieren zu sein. Laut dem “Zürcher Ressourcen Modell” (ZRM) ist es in vielen Fällen sogar die bessere. Das ZRM geht davon aus, dass S.M.A.R.T.e Ziele zwar durchaus ihre Berechtigung haben, aber gerade in Bezug auf individuelle, persönliche Zielsetzungen in Sachen „Motivation“ gerne mal versagen:  „Um Ressourcen zu aktivieren und das innere Feuer zu entfachen, so sagen wir, sind konkrete, spezifische Ziele nicht geeignet.“ (Maja Storch)

Das mag unter anderem daran liegen, dass das, was uns als „Ziel“ erscheint, oft nur ein Schritt auf dem Weg zu einem anderen, dem “eigentlichen” Ziel ist. “Eigentliche Ziele” sind weniger spezifisch, eher “global”. Die Zielerreichung kann nicht an objektiven Kriterien gemessen werden. Wir können sie nur in ihrer positiven Auswirkung auf unsere innere Befindlichkeit wahrnehmen. „Eigentliche Ziele“ motivieren uns auf emotionaler Basis. Das heißt, wir müssen unseren inneren Schweinhund nicht in end- und fruchtlosen Diskussionen von ihrer „Vernünftigkeit“ überzeugen – eine kleine Aufmunterung hier und da reicht, um ihn für uns und unser Ziel einzunehmen.
“Eigentliche Ziele” verstecken sich hinter konkreten Zielen. Man kann ihnen aber mit nervigen “Warum?”-Fragen recht gut auf die Schliche kommen.

Warum wollte ich den Blogartikel schreiben? Warum will ich überhaupt irgendetwas schreiben? Warum…? usw… – Ich habe gemerkt, dass es mir gut tut, die einhundertelfundachtzig Gedanken, die ständig in meinem Kopf rumwabern, schreibend in einen Zusammenhang zu zwingen. Wenn sie so “in Form gebracht” sind, ergeben sie sich und nerven mich nicht mehr. Zumindest nerven sie dann nicht mehr so viel. – Dieses Ziel kann ich auch erreichen, ohne mich auf ein konkretes Schreibergebnis innerhalb einer bestimmten Zeit festlege.

Denn: Neben vielen anderen Vorteilen haben “eigentliche Ziele” gegenüber S.M.A.R.T.en Zielen einen wesentlichen Pluspunkt – ihre Äquifinalität. Heißt: Viele Wege führen zum (gleichen) Ziel. Und wenn dir ein Weg nicht ganz geheuer, zu langweilig oder zu stark frequentiert ist oder sonstwie nicht gefällt: Deinem “eigentlichen Ziel” ist es egal, wie du es erreichst. Halte einfach die Augen offen und finde einen anderen Weg.

Für mein Gedankenentnervungsziel bedeutet das: Ich kann zum Schreiben “nehmen, was kommt” – und wann es kommt.

Zur Unterstützung des “inneren Navigationssystems” schlägt das ZRM vor, “eigentliche Ziele” als “Motto” zu formulieren. Die Beispiele für solche Mottos treffen allerdings nicht ganz meinen Geschmack: “Ich atme Glück” … “Ich verströme verlockenden Rosenduft”… naja, jeder, wie er will. Mir persönlich hilft es bei der Navigation besser, wenn ich mit den “richtigen Fragen” im Kopf unterwegs bin. Fragen lenken die Aufmerksamkeit.

In meinem Fall könnten die Fragen so lauten: “Welche Gedanken beschäftigen mich gerade am meisten? Wie hängen die Gedanken zusammen? Was ist das Thema?”

Ein von mir sehr geschätzter Fotograf rät sogar dazu, die Fragen nicht zu beantworten: “Unsere Fragen bewegen hier oft schon mehr als die Antworten darauf. Die Fragen eröffnen uns neue Möglichkeiten, während uns konkrete Antworten nur jeweils eine Möglichkeit erlauben und die anderen nicht mehr zum Zug kommen…”  (DuChemin)

Hier ist er, der Blogartikel. Später. Mit einem ganz anderen Thema. Mehr passiert als geplant. Unsmart.

Ohne ein Ziel zu haben, hätte ich gar nicht erst angefangen. Aber wenn es eines von den Zielen gewesen wäre, die man beim Losgehen schon sehr deutlich im Auge hat, am Ende eines sehr übersichtlichen Weges – also konkret in jeder Hinsicht – dann wäre ich zwar ans Ziel, aber nicht wirklich weit(er) gekommen. Vielleicht wäre ich nicht mal ans Ziel gekommen…

Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden, solange man sich dadurch nicht von interessanten Umwegen ablenken lässt. Mark Twain

Zweifellos gibt es Bereiche, in denen konkrete Antworten und S.M.A.R.T.e Zielsetzungen ihre Berechtigung haben: Projektmanagement, Mitarbeiterführung, Verhaltenstherapie… Aber es kann nicht schaden, für andere Bereiche ein paar alternative Zielsetzungsstrategien in petto zu haben.

* Fast jeder sagt das. Googelt mal… nur so zum Spaß.

Lesestoff

Maja Storch (2013): Das Zürcher Ressourcen-Modell ZRM: Ressourcen aktivieren mit Motto-Zielen. In: Johannes Schaller und Heike Schemmel (Hg.): Ressourcen. Ein Hand- und Lesebuch zur psychotherapeutischen Arbeit. 2., vollst. überarb. und erw. Aufl. Tübingen: Dgvt-Verl., S. 247–259. Online verfügbar unter http://www.majastorch.de/download/Storch-Motto-Ziele_2014.pdf, zuletzt geprüft am 31.10.2017.

DuChemin, David (2017): Die Seele der Kamera. Und die Rolle des Fotografen. 1. Auflage. Heidelberg: dpunkt.verlag.

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