Moralische Überlegenheit – Balsam für Geist und Seele…?

 

Dorfsonntag. Dorfsonntagmorgen. Sie kommen aus der Sonntagsmesse, ich von der morgendlichen Stallarbeit. Ich grüße freundlich. Mit strengem Blick wägen die beiden Herren das Ausmaß ihrer moralischen Überlegenheit ab. Für den linken bin ich danach raus. Der rechte rückt seinen Hut zurecht, strafft die Schultern: „Gu-ten Mor-gen.“ So viel Tadel in nur vier Silben. Wohl ein letzter Versuch, meine Seele zu retten. Ich bin mir sicher, dass ich das nicht verdient habe. Aber ich beschließe, darüber hinweg zu sehen…

Nicht, dass mir das wirklich gelungen wäre. Es zwickt mich: „moralische Überlegenheit“. Vor allem zwickt es natürlich dann, wenn mir dabei die Rolle des moralisch Unterlegenen zukommen, ich also der „schlechtere Mensch“ sein soll.

Ich weiß: Soziale Vergleiche liegen in der menschlichen Natur. Bei richtiger Auswahl von Vergleichsdimension und Vergleichsperson tut ein solches Vergleichen dem Selbstbild gut. Es funktioniert auch wirklich einfach: Sucht euch etwas aus, in dem ihr auch tatsächlich besser seid als euer Gegenüber! Oder sucht euch eine mit Sicherheit unterlegene Vergleichsperson! Einen solchen Vergleich sollte sich jeder immer wieder mal gönnen. Es ist Balsam für Geist und Seele, der schnellere, stärkere, kreativere, modischer gekleidete, mehr französische Vokabeln beherrschende oder besser kochende Mensch zu sein. Vergesst auch nicht, euren Mitmenschen mal etwas zu gönnen und stellt euch großzügig als beim Frühjahrsputz nachlässigere, schlechter gelaunte, zeichnerisch oder in Sachen Kuchenbacken unbegabtere Vergleichsperson zur Verfügung.

Aber Achtung: Das Würzen sozialer Vergleiche mit moralischen Vorstellungen ruft einen seltsamen Beigeschmack hervor. Moral ist subjektiv. Deshalb eröffnen moralbasierte Vergleiche ein unglaublich weites Feld von Vergleichsmöglichkeiten – mit garantiertem Erfolg für alle, die auf der Suche nach Selbstbestätigung sind und ein „besserer Mernsch“ sein (nicht werden!) wollen. Tatsächlich kann man moralische Überlegenheit an den seltsamsten Dingen festmachen: An der Religion, der Hautfarbe, den Essgewohnheiten, dem Steuersatz, der CO²-Bilanz, dem bevorzugten Waschmittel oder der Frisur. Lasst eurer Kreativität freien Lauf!

Erfahrene moralisch Überlegene ziehen dabei die Taktik vor, von ihrem Gegenüber ein moralisch einwandfreies Verhalten vorwurfsvoll schweigend zu erwarten, statt es aus- und nachdrücklich zu verlangen. Denn unausgesprochene Erwartungen haben gegenüber ausgesprochenen Forderungen einen entscheidenden Vorteil: Sie werde mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht erfüllt. Damit kann ich mir meine moralische Überlegenheit auf Dauer erhalten: Ich bin – ganz offensichtlich – der „bessere Mensch“. In diesem Zusammenhang immer wieder gern genommen und auch für Anfänger in Sachen moralischer Überlegenheit empfehlenswert: Dankbarkeit als moralische Verpflichtung (vor allem anderer mir gegenüber), in allen Variationen.

Sobald ich eine Erwartung ausspreche, besteht  die Gefahr, dass mein Gegenüber sie erfüllt. Dann kann ich nur noch mit ein paar geschickten Zusatzerwartungen meine moralische Überlegenheit retten. Hilft immer: „Wenn du wirklich … [dankbar] wärst, hättest du das schon längst von dir aus so gemacht.“ Ganz ungemütlich wird es, wenn mein Gegenüber auf meine ausgesprochenen (!) moralischen Vorstellungen mit Zweifeln an deren Berechtigung reagiert, womöglich sogar Gegenargumente findet. Diese Gefahr besteht immer, denn – wie bereits festgestellt: Moral ist subjektiv. Dann hilft es nur noch, die moralische Vergleichsdimension so lange zu wechseln, bis ich eine finde, die mir wieder die Rolle des moralisch überlegenen, offensichtlich besseren Menschen sichert.

Falls sich auch bei längerer Suche keine geeignete Vergleichsdimension findet: Legt fest, in welchem Verhalten sich eine moralisch einwandfreie Einstellung zu zeigen hat – und wählt dafür ein Verhalten, dass eurem Gegenüber gerade – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich ist. Ihr könntet z.B. von einem „Flüchtling“ erwarten, dass er seine Dankbarkeit dem deutschen Steuerzahler gegenüber mit der sofortigen Beherrschung der deutschen Sprache und dem Wegwerfen seines Smartphones beweisen soll. Erfüllt er diese Erwartung nicht, wäre damit wohl geklärt, wer aus einem entsprechenden Vergleich als der „bessere Mensch“ hervorgehen wird.

Ich hoffe, es wird deutlich: Das Ringen um moralische Überlegenheit zwischen einzelnen Personen kann ausgesprochen unangenehm sein. Es kann Beziehungen unerträglich machen. Im Zusammenhang mit Gruppen überschreitet der Anspruch auf moralische Überlegenheit unter Umständen die Grenze von „unangenehm“ zu „gefährlich“. Moralische Überlegenheit geht nie ohne Vorwürfe und Anklagen, ohne moralische Unterlegenheit und Abwertung einher. Es gibt leider zahlreiche Beispiele dafür, dass Menschen dazu tendieren, aus einer gefühlten moralischen Überlegenheit ihrer Gruppe auf deren allgemeine Überlegenheit zu schließen. Aus dieser allgemeinen Überlegenheit lassen sich dann ganz unkompliziert besondere Rechte und Rechtfertigungen für die eigene Gruppe und besondere Pflichten und Nichtrechte für die andere (moralisch und überhaupt unterlegene) Gruppe ableiten.

Wahrscheinlich ärgere ich mich deshalb immer noch über die zwar moralisch überlegenen, aber im Grunde sicher harmlosen Kirchgänger.

 

Lesestoff  

--- Achtung, enthält auch unkommentierte (!) Beispiele für die seltsamen Verwirrungen, die aus dem Gefühl moralischer Überlegenheit heraus entstehen können! ---

"Dass Menschen eher gegen Normen verstoßen, wenn sie sich zuvor ihres moralischen Selbstwertes vergewissern können, ist hingegen gut belegt. Sonja Sachdeva von der Northwestern University zeigte zum Beispiel 2009 im Fachblatt Psychological Science, wie sich das Verhalten von Menschen ins Negative verschiebt, wenn man ihnen zuvor die Chance gibt, sich als sozial engagierte Personen darzustellen. Ein Phänomen, das die Psychologie als 'Moral Credentials' bezeichnet - eine Art moralischer Kredit."
 Sebastian Herrmann (2012): Lizenz zur Untat. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-moralischer-ablasshandel-1.1364394, zuletzt geprüft am 03.03.2018.

"Wie aber, wenn wir annehmen, dass die Täter wollten, was sie taten? Wenn sie von der Richtigkeit, ja von der moralischen Rechtfertigung ihres Tuns überzeugt waren?"
 Michael Wildt (2018): Tierfreund als Menschenfeind. Wolfgang Bialas: Moralische Ordnungen des Nationalsozialismus. Online verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/wolfgang-bialas-moralische-ordnungen-des-nationalsozialismus-tierfreund-als-menschenfeind-13129941.html, zuletzt geprüft am 03.03.2018.

"Denn psychologischen Studien nach könne Religion zwar möglicherweise einige moralische Entscheidungen beeinflussen. Die moralischen Grundinstinkte jedoch seien davon unabhängig. Dennoch gilt landläufig der Glaube offensichtlich noch immer als Grundpfeiler und Garant für moralisches Verhalten..."
 Nadja Podbregar (2017): Moral, Religion und Atheismus. Online verfügbar unter https://www.wissenschaft.de/gesellschaft-psychologie/moral-religion-und-atheismus/, zuletzt geprüft am 03.03.2018.

"Tatsächlich gilt: Nur wenn Gott als die Fülle und der Inbegriff aller Vollkommenheit und Werthaftigkeit am Anfang steht und der Kosmos seine Schöpfung ist, haben auch Werte und Normen im Kosmos ihren Platz."
 Pater Engelbert Recktenwald (2017): Keine Moral ohne Gott. Online verfügbar unter https://www.die-tagespost.de/feuilleton/Keine-Moral-ohne-Gott;art310,182184, zuletzt geprüft am 03.03.2018.

"Ursache des Problems ist abermals das allgemeine Wahlrecht, das nicht nur Wählern eine Stimme gibt, die keinerlei Beitrag zur Gesellschaft leisten, sondern es dadurch den entsprechenden Wählern erlaubt, ihre Stimme abzugeben, ohne dass ihnen irgendwelche Kosten entstehen, da Steuererhöhungen oder sonstige Maßnahmen, die in die Freiheit und das Eigentum von Bürgern eingreifen, sie nicht treffen, da sie z.B. kein Eigentum haben oder keine Abgaben entrichten und auch sonst vermutlich in keiner Weise z.B. in den sozialen Netzwerken engagiert sind."
Irrweg Allgemeines Wahlrecht – Wahlrecht nur für produktive Mitglieder einer Gesellschaft? (2017). Online verfügbar unter https://sciencefiles.org/2017/03/19/irrweg-allgemeines-wahlrecht-wahlrecht-nur-fuer-produktive-mitglieder-einer-gesellschaft/, zuletzt geprüft am 03.03.2018.

 

ähnliche Beiträge

2 comments

  1. Danke für diesen Blogpost. Sehr gut geschrieben. Ich kenne das Thema von beiden Seiten. Also nicht nur als Reiterin und als Kirchgängerin :-), sondern vor allem als Verglichene und Vergleichende. Fühle mich in beiden Rollen schlecht. In der ersten nehme ich mir vor es gelassener zu sehen und in der zweiten, herauszufinden, warum ich das überhaupt nötig habe. Und ja, es ist fast immer in Situationen in denen es mir schlecht geht.

Comments are closed.